Dr. Rock geht ins Wochenende

Dr. Rock kommt von der Arbeit. Der Schlüsselbund hat sich im Innern der Hosentasche verfangen. Beim Rausziehen zerreißt der Stoff. Egal. Die Comics anzappen und ein Helles aus dem Kühlschrank. Der Käse riecht schlecht. Das Eisfach ist völlig zugefroren. Vergessen, Brot mitzunehmen. Erbsen und Möhrchen sehr fein in der Dose sind noch da. Und Tabak für danach. Tabak im Kühlschrank? Im Kühlschrank! Da legt Dr. Rock Wert drauf. Die Comics sind nicht gut, kein Stil, Epigonentum. Dann ein altes Video rein. Etwas, das Dr. Rock schon lange nicht mehr gesehen hat. Alte Star-Trek-Folgen? Hill und Spencer, nein, da kennt er jedes Wort. Hat sich richtig aufs Wochenende gefreut und jetzt hängt’s am Video. Macht nix. Den Staub vom Plattenspieler blasen und mal schauen, was jetzt okay wäre. Charly Parker? Zu aufregend, was Ruhiges. Dr. Rock klappt die Platten in der Weinkiste vorsichtig um wie die Seiten eines alten Buches. Noch ein Bier auf, die Hälfte wieder auf dem Teppich, die Wailers, genau, sagt er sich und nimmt sich vor, ein Pfeifchen zu stopfen. Die Wailers. Erst will alles nicht so richtig, die Einstellungen an der Anlage müssen geändert werden, dann hängt die Platte schon zu Beginn. Die Zeitung in den abgegriffenen Ledersessel gelegt, den Ascher bereitgestellt und schnell nach den Erbsen in der Pfanne geschaut. Zuviel Öl drin, alles schon ganz matschig. Dr. Rock beschließt, sich die Laune nicht vermießen zu lassen. Schmeckt ziemlich ecklig, nicht mal Erbsen in der Pfanne kann er machen. Es klappt nicht mit dem Gut-gelaunt-Bleiben. Ärgerlich stellt er alles in die Spüle, Wasser drüber, der Abfluß verstopft umgehend und die Wailers hängen wieder. Das Feuilleton seiner Zeitung ist wieder einmal maßgeblich von einem dieser Trottel aus der Wirtschaftsredaktion belegt. Dr. Rock hat die Schnauze voll und nimmt einen tiefen Schluck. Schon ins Bett gehen oder noch eine Runde um den Block? Was nun? Dr. Rock klopft die Pfeife aus. So schlimm ist der Abend nun auch wieder nicht. Wenigstens kein Regen. Und zwei volle Tage für sich. Dr. Rock verdrängt schnell den aufkeimenden Gedanken an Einsamkeit und schlüpt noch mal in die Straßenschuhe. Einen Hund müßte man haben, Hunde sind eine gute Ausrede, wenn man abends noch mal raus will. Aber alleine? Was würde er selbst, denkt sich Dr. Rock, von einem Mann in seinen besten Jahren halten, dem er am frühen, schon dunklen Abend beim Spazierengehen begegnen würde, Bierflasche statt Hund. Die Nachbarn reden ohnehin schon. Fragt ihn doch die Mitfünfzigerin aus dem Dritten, ob er noch nicht verheiratet sei. Nein, hat Dr. Rock geantwortet. Der Beruf, verstehen Sie, läßt mir kaum Freizeit. In seinem Viertel kennt Dr. Rock sich noch nicht so richtig aus, vielleicht noch wo reinsitzen? Aber alles was er als Gaststätten bisher so wahrgenommen hat, sind diese unglaublich traurigen Pilsbars mit diesen unglaublich traurigen Namen. Da sitzen fünf, wenn überhaupt fünf, Kahlköpfe und Speckgesichter und ärgern sich, wenn sie sich überhaupt unterhalten, autistengleich über die Arbeit, die sie haben oder nicht haben. Dr. Rock stellt die leere Flasche an einen Mülleimer, vielleicht findet sie ja ein Penner. Und die Bedienung sieht aus als wäre sie endgültig zu alt und von den ganzen Kosmetika auch zu zersetzt, um sich noch länger verkaufen zu können. Dr. Rock schüttelt sich. Arme Schweine, denkt er und geht an so einer Bar vorüber. Nicht ohne dabei durchs Fenster hineinzukucken. Wie er sich’s gedacht hat. Nicht verwunderlich. Hier vorne hat mal eine Freundin von ihm gewohnt. Freundin. Viel zu sagen haben sie sich nicht gehabt, aber nicht in der Weise, daß man keine Worte mehr braucht, um sich zu verstehen. Sie hat ihm nie gefehlt und Dr. Rock hatte dann auch keinen Grund mehr den langen Weg hier rauszukommen. Jetzt wohnt er selbst hier. Man wird sich schon einleben. Vielleicht hat Andrea angerufen, wenn er heimkommt. Dr. Rock geht schneller, schließlich ist es doch noch ein bißchen kühl und Bier hat er keines mehr. Andrea hat schon lange nicht mehr angerufen und wird es auch heute nicht getan haben. Trotzdem behält Dr. Rock den schnellen Schritt bei. Als habe er eine wichtige Verabredung und sei spät dran. Lächeln über die eigene Illusion oder sie wieder aus dem Kopf vertreiben? Geht ohnehin nicht. An der Tankstelle gibt er Trinkgeld, um mit seinem Sechserpack schneller wieder draußen zu sein. Wenn das Lichtchen blinkt, dann gönnt er sich noch eins. Ein Windstoß weht ihm den ungeknöpften Mantel auf, als er die Treppen hinaufhastet.

Chrysostomus


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.