Gegen die reaktionäre Parole der Freiheit

Der Unendlichkeit, die sich auf die äußere sinnliche Anschauung bezieht, setzt Kant eine andere Unendlichkeit gegenüber, wenn

»das Individuum auf sein unsichtbares Ich zurückgeht und die absolute Freiheit seines Willens als sein reines Ich allen Schrecken des Schicksals und der Tyrannei entgegenstellt, von seinen nächsten Umgebungen anfangend, sie für sich verschwinden, ebenso das, was als dauernd erscheint, Welten über Welten in Trümmer zusammenstürzen läßt und einsam sich als sich selbst gleich erkennt.«

Ich in dieser Einsamkeit mit sich ist zwar das erreichte Jenseits; (...) Aber indem dieses reine Ich in seiner Abstraktion und Inhaltslosigkeit sich fixiert, hat es das Dasein überhaupt, die Fülle des natürlichen und geistigen Universums als ein Jenseits sich gegenüber. Es stellt sich derselbe Wiederspruch dar, der dem unendlichen Progress zugrunde liegt, nämlich ein Zurückgekehrtsein in sich, das unmittelbar zugleich Außersichsein, Beziehung auf sein anderes als auf sein Nichtsein, ist. Welche Beziehung eine Sehnsucht bleibt, weil Ich sich seine Leere einerseits und die Fülle als sein Jenseits fixiert hat.

(Hegel, Das Sein)

Wo andere beginnen Konzessionen zu machen, wie etwa irgendwelche Postulate, da fängt Hegel an auf seinem Absoluten, dem Standpunkt der bürgerlichen Freiheit zu bestehen und wird also nicht zum Materialist, sondern rettet das Jenseits vor der Aufklärung; welchem Umstand wir die Zweischneidigkeit seines Unternehmens verdanken, nämlich einerseits sehr richtig die ganze vorherige Philosophie und Praxis der Herrschaft zu begreifen, andererseits das Zeugs für die bürgerliche Ideologie verwendbar zu erhalten - was vielleicht in so manchem Herrenclub, zumal wenn Nietzsche noch nicht wieder Salongfähig war, dazu führte Hegels Problem mit Fucault zu lösen und über die Biomacht als Sphäre der eigenen Bedeutsamkeit süffisant zu schwadronieren. Wo es unanständig ist über Geld zu reden und der Preis, sobald danach gefragt wird ohnehin ganz offensichtlich zu hoch ist, da kann man mit Hegels Standpunkt, wo er anfängt, auch dann noch etwas anfangen wenn das Verständniss für seine Lösung sich auf begriffsloses Gestammele vom Universum im Sandkorn beschränkt und man trotzdem locker glaubt mit Kant schon fertig zu sein und leichten Herzens beim Rudelbumsen Nietzsches »alles ist erlaubt« plärrt.

Die bürgerliche Freiheit wird allerdings dann recht abstrakt und zum zu verwirklichenden Ideal der Freiheit, die sich als reines Ich allen Schranken des Schicksals und der Tyrannei entgegenstellt, wenn es bürgerliche Schranken sind, denen es sich da entgegenstellen soll, das Ich. Die Schwierigkeit für die reaktionäre Ideologie ist hierbei diese: Wie läßt sich die Freiheit oder Reinheit des Ich als Wesen, also im idealistischen Sinne wirkliches Sein erhalten und zugleich im vorgeblich nur unwesentlichen, banalen Endlichen oder Ideellen (was für den idealistischen oder reaktionären Standpunkt soviel heißt wie nicht substanziellen, sondern Materiellen) den bürgerlichen Schranken unterwerfen. Diese Schwierigkeit entsteht aus dem Klasseninteresse der bürgerlichen Ideologie und wir werden später sehen wie sie damit zurechtkommt.

»Der Satz, daß das Endliche ideell ist, macht den Idealismus aus. Der Idealismus in der Philosophie besteht in nichts anderem als darin, das Endliche nicht als wahrhaft Seiendes anzuerkennen. (...) In der Tat ist der Geist der eigentliche Idealist überhaupt; in ihm, schon wie er empfindend, vorstellend, noch mehr insofern er denkend und begreifend ist, ist der Inhalt nicht als sogenanntes reales Dasein; in der Eifachheit des Ich ist solches äußerliches Sein nur aufgehoben, es ist für mich, es ist ideell in mir. (...) Es ist mit solchem Idealismus nichts verloren, ebensowohl weil die Realität solchen endlichen Inhalts, das mit Endlichkeit erfüllte Dasein erhalten ist, als, insofern davon abstrahiert wird, an sich an solchem Inhalt nichts gelegen sein soll; und es ist nichts mit ihm gewonnen, eben weil nichts verloren ist, weil Ich, die Vorstellung, der Geist mit demselben Inhalt der Endlichkeit erfüllt bleibt.« (Hegel, Wissenschaft der Logik) Die exponierte Stellung des Ich zum Endlichen, so klärt uns Hegel hier auf, ist für den Geist, der nichts endliches als wahrhaft Seiendes anerkennt, keine Schwierigkeit. Das bewerkstelligt dieses Gespenst auf doppelte Weise. Erstens ist das Endliche in ihm als für es erhalten und zweitens ist dieses Endliche nach seiner eigenen Vorraussetzung onehin egal bzw. »an solchem Inhalt nichts gelegen«. Aber, und das unterscheidet Hegel wohl vom gewöhnlichen Idealisten im Herrenclub, er sieht auch, daß dadurch noch nichts gewonnen ist. Denn diese Idealität als bloß Qualität oder Bestimmung der Unendlichkeit »ist wesentlich der Prozess des Werdens und damit ein Übergang, wie des Werdens in Dasein, der nur anzugeben ist.« (Wissenschaft der Logik) Also noch nichts besonders Aufregendes, womit Hegel zufrieden sein könnte, denn das »Wesen der Philosophie ist häufig von solchen, die mit dem Denken schon vertrauter sind, in die Aufgabe gesetzt worden, zu beantworten, wie das Unendliche aus sich heraus und zur Endlichkeit komme. - Dies, meint man, sei nicht begreiflich zu machen.« (ebd.), und woanders erklärt Hegel sich über sein Vorhaben folgendermaßen: »Die exoterische Lehre der Kantischen Philosophie - daß der Verstand die Erfahrung nicht überfliegen dürfe, sonst werde das Erkentnissvermögen theoretische Vernunft, welche für sich nichts als Hirngespinste gebäre - hat es von der wissenschaftlichen Seite gerechtfertigt, dem spekulativen Denken zu entsagen. Dieser populären Lehre kam das Geschrei der modernen Pädagogik, die Not der Zeiten, die den Blick auf das unmittelbare Bedürfnis richtet entgegen, (...) Indem so die Wissenschaft und der gemeine Menschenverstand sich in die Hände arbeiteten, den Untergang der Metaphysik zu bewirken, so schien das sonderbare Schauspiel herbeigeführt zu werden, ein gebildetes Volk ohne Metaphysik zu sehen, - wie einen sonst mannigfaltig ausgestatteten Tempel ohne Allerheiligstes.« (Vorr. z. 1.Aufl., Wi. d. L.) Einerseits also das philosophische Anliegen, die letzte Frage zu beantworten, andererseits einfach eine Reaktion auf »die Not der Zeiten, die den Blick auf das unmittelbare Bedürfniss richtet«, wobei letzteres sich nochmal unterteilt in die Metaphysik fürs Volk und in die wissenschaftliche Rettung des spekulativen Denkens.

Die Frage, wie man denn darauf kommen sollte, nichts Endliches als wahrhaft Seiendes anzuerkennen, wurde in der Philosophie auf vielerlei Arten beantwortet. Allerdings ist auch hier, wie bei so manchem, noch kaum einer zu solcher Klarheit gelangt wie Aristoteles, der über die höchste Wissenschaft schrieb: »Philosophierte man also, um der Unwissenheit zu entkommen, so suchte man offenbar das Verstehen, um zu wissen, keineswegs aber um eines Nutzens willen. Das beweist auch der Gang der Dinge; denn erst als alle Lebensnotwendigkeiten vorhanden waren und alles, was der Erleichterung und einem gehobenen Leben dient, begann man eine derartige Einsicht zu suchen. Es ist klar, daß wir diese nicht um eines anderen Nutzens willen suchen; sondern, wie unserer Meinung nach ein freier Mensch ist, der nur um seiner selbst und nicht um eines anderen Willen lebt, so ist auch diese Wissenschaft als einzige von allen frei; ist sie doch allein um ihrer selbst willen da.« (Metaphysik) Und kurz zuvor fasst Aristoteles den Gegenstand dieser selbstgenügsamen Wissenschaft auch noch so, daß man meinen könnte, Hegel hätte es lediglich abgeschrieben: » - das ist aber die Wissenschaft des im höchsten Grade Wißbaren; und im höchsten Grade wißbar sind das Erste und die Ursachen; denn gerade durch diese und aus diesen wird das andere erkannt, nicht aber diese aus dem Untergeordneten. Die Wissenschaft aber, die erkennt, weswegen das Einzelne getan werden muß, ist die beherrschendste und steht höher als die ihr untergebene.« (ebd.)

Allerdings wäre es nicht richtig, bereits bei Aristoteles vom Standpunkt der bürgerlichen Freiheit zu reden. Wenn auch seine Freiheit von Hegels insofern nicht verschieden ist, daß es sich bei beiden um eine Art der Selbstgenügsamkeit oder nur um seiner Selbst Willen oder so handelt. Bei Hegel wird das Ich zu seiner eigenen Abstraktion, und findet sich, einzig bestimmt durch seine Identität mit sich selbst, als Freies oder Unendliches wieder; frei, sofern es nur zu sich in irgendeinem Verhältniss steht und das ganze Endliche als Vorstellung für sich aufgehoben hat, unendlich eben wegen seiner bloßen Identität mit sich selbst, ohne Unterschied oder Grenze zu anderem. Bei Aristoteles dagegen, etspringt die Freiheit des Philosophen noch ganz banal aus der Tatsache, daß er sich um sonst nichts kümmern braucht als seine Wissenschaft; und die Freiheit dieser Wissenschaft daher, daß sie sich um alles kümmert, also sich mit den ganz allgemeinen ersten Prinzipien etc. befasst. Beide treffen sich, wo sie aus dem Allgemeinen oder Unendlichen das Einzelne oder Endliche entwickeln wollen, nur formal.

Für uns kommt es hier allerdings nicht auf die Metaphysik insgesammt, sondern um die Parole der Freiheit an. Was dabei auffällt ist die bereits erwähnte Gemeinsamkeit von Hegel und Aristoteles, daß die Freiheit eine Art »bloß bestimmt als mit sich selbst identisch«, oder »nur um seiner selbst willen« ist. Beide Formulierungen unterscheiden sich zwar noch, doch in dem, daß das Subjekt der Freiheit eines ist, das sich sonst um nichts kümmern muß außer um sich selbst, ist bei beiden kein Unterschied. Hegels Idealismus mach es aus, daß das nur mit sich selbst Identische nicht als abstrakt, sondern als eigentliches Wesen des Ich, wogegen dann alles endliche bedeutungsloser Kram wird, gilt. Mit demselben Idealismus konzipiert Hegel in seinen späteren Schriften den bürgerlichen Staat als vernünftige Bestimmung dieser freien Wesen (worin der Weltgeist zu sich kommt). Ob er meinte damit sein Problem, wie denn das Unendliche aus sich heraus zum Endlichen gelange, gelöst zu haben, sei dahingestellt - heutzutage jedenfalls, fühlen sich viele im Staat garnicht frei, und kritisieren ihn.

Die häufigste Kritik am bürgerlichen Staat (mitsammt seiner kapitalistischen Ökonomie) ist die, daß er seinem eigenen Ideal, quasi seiner Vorstellung von sich selbst, bzw. derjenigen seiner Kritiker, nicht gerecht wird. Das kann auf verschiedenste Weise daherkommen. Einmal wird geklagt es sei ja gar keine richtige Demokratie, dieser Staat. Pseudowissenschaftlich untermauert sind große Teile der Linken überzeugt, daß das Volk ganz eigentlich garnicht herrscht, sondern von seltsamen und geheimnisvollen Ausschüssen, von Monopolkapitalisten und korrupten Politikern verführt, manipuliert und bestochen wird. Dann hört man, es ginge beim Krieg um Jugoslawien, oder was sonst noch so ansteht, garnicht ums Menschenrecht, obwohl der Staat es sich doch auf die Fahnen schrieb - was wiedermal eine hervorragende Bestätigung für die Manipulationstheorie ist, ist daß die Leute dem Staat das auch noch glauben. Wieder andere vermuten das undeutsche Wesen, den Verlust der völkischen Instinkte oder irgendsoeinen Scheiß hinter dem Leid der Nation. Bei ganz abgedrehten Arschlöchern, wie etwa Martin Walser, geht das noch einher mit Verortung des Feindes (quasi als Resultat der Reaktivierung des Instinkts) in den Juden. Fast schon zum Allgemeinplatz geworden ist die Überzeugung - ganz ohne zugehörige Theorie, allein schon durch das Erwachsenwerden, den Verlust der kindlichen Naivität einleuchtend -, daß Politiker nunmal auch Menschen sind und daher freilich unanständig. Der politische Indifferentismus, heute gern Politikverdrossenheit genannt, nährt sich ebenso aus dieser Vorstellung, wie der Eifer, die unanständigen Menschen wieder lieb zu machen - seis durch Selbstfindung oder konsequentes selber lieb sein. Der Staat, so scheints, ist garnicht, was er zu sein vorgibt. Die Gründe werden einerseits darin vermutet, daß der Staat eben irgendwelchen Einflüssen ausgesetzt ist (vielleicht als Standort der Globalisierung, als kapitalistisch den Monopolisten, als deutsch den Juden, etc.), die ihn daran hindern, so zu sein, wie er sein sollte. Andererseits kann man auch glauben, die Menschen seien eben nicht dem Staat gemäß, quasi nicht frei von Bösartigkeit (vielleicht Selbstsucht oder Unvernunft), und das sei der Grund warum der Staat seinem Ideal nicht entspricht. Gemeinsam ist beiden Herangehensweisen die Kritik nicht am Staat oder der Doktrin der Freiheit, sondern die Kritik an dem, was den eigentlichen Staat, so wie er gemeint ist, und somit auch die eigene Freiheit einzuschränken vermeindet wird.

Dabei ist es genau diese Kritik, die eben nicht das trifft, was den bürgelichen und kapitalistischen Staat historisch auszeichnet vor anderen Staatsformen. Dessen Macht legitimiert sich doch gerade durch abstrakte, freie Individuen, die alle eine Stimme haben - aber nur eine, weil mit sich identisch sind sie schon, und darauf wird auch geachtet. Und die ganze staatliche Gewalt befasst sich auch nur mit diesen abstrakten Personen (vermittelt als Recht - siehe streitblatt zur Gerechtigkeit). Daß dieser Idealismus nicht immer so ganz klappt, ändert überhaupt nichts daran, daß sich eben durch jene Abstraktion die Ungleichheiten, die Klassen reproduzieren. Die neueste Variante dieser reaktionären Ideologie ist der Mensch »als Unternehmer der eigenen Arbeitskraft«.

Daraus erhellt sich das Klasseninteresse der Reaktion an der Freiheit. Um noch zu erwähnen wie sie damit klarkommt, sei auf die Beispiele von vorhin verwießen. Erwähnenswert ist auch noch der Irrationalismus, die Lebensphilosophie und solcher Scheiß. (sg)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 14. Mai 2000.