Warum ich zum Bahnhofsfriseur gehe

Früher war ich bei dem Alten in der Schellingstraße, der war auch ein Freak. Hat einfach den Laden zugeschlossen, wenn vier Leute drin saßen und der Feierabend absehbar war. Für 17 Steine war's O.K., aber ein halber Tag war schon immer weg, und zum Lesen hat der auch nur den üblichen Schund da gehabt. Hatte man die mitgebrachte Zeitung durch, hat man sie weitergegeben - Solidarität unter Wartenden. Manchmal waren's schon seltsame Allianzen da drinnen. Rentner und Studenten und ab und zu eine alte Frau, die gleich nach hinten verschwand. Dann hat man Satzfetzen von Frau Sowieso hier und Frau Sowieso da gehört und Rentner und Studenten sind in halbstündlichen Abständen mit Landserschnitt auf die Straße entlassen worden.

Heute muß ich zum Bahnhof, der Alte hat sich zur Ruhe gesetzt. Was heißt, ich muß. Der hier ums Eck schneidet auch für 30 Mark, aber es ist halt nicht dasselbe. Ein guter Friseurladen braucht - und das ist einfach enorm wichtig - Distanz, wo sich andere aufdrängen, und Nähe, wo sonst nur Service ist. Und diese kaltverchromten Zahnarztsalons für die schönen Leute gibt's hier ohnehin mehr als genug. Also bin ich auf den im Bahnhof angewiesen. Drei sind eigentlich immer da, denn Zeit und Raum sind dort drinnen nicht die gleichen wie außerhalb, wo überladene Reisegruppen mit fremden Dialekten sich vor U-Bahnplänen dämlich suchen, wo die Personalien von ghanaischen Doktoranden durch den Funk gerufen werden, wo arme Leute sich treffen, wo alles in Bewegung ist und sich doch nichts wirklich verändert. Im Friseursalon gibt es keine Bewegung, da ist meistens Totenstille. Im Stil der 50er stehen unzählige Friseurstühle vor unzähligen Spiegeln und Waschbecken, aber die Bedienung beschränkt sich eben auf drei Plätze. Jeder der drei Beschäftigten ist ein Typ für sich und alle gehören sie irgendwie hierher und nicht hierher in diese nostalgische Mischung aus Lazarett, Diner und Bordellgarderobe. Da ist einmal der Nörgler. »Drei oder fünf Millimeter? ... Mir egal, Du mußt damit rumlaufen.« Nein richtig freundlich ist der nicht, aber er schneidet gut. Typ: vorzeitig entlassener sowjetischer Atomwissenschaftler. Ganz hinten versteckt sich der Lange. Er ist in der Tat baumlang, schmall wie ein Handtuch und wirkt beständig, als ob er sich unsichtbar machen will. Alle drei reden nicht viel - sehr angenehm - aber der sagt wirklich gar nix. Rechts in der Mitte steht der Geölte. Er winkt schon von weitem. So stell ich mir einen Großstadtfriseur in Istanbul vor, Rosenwasser und Teearoma in der Luft, alte Männer, die zum Rasieren kommen und sich über Atatürk und den Brotpreis unterhalten und ob man zu Cassius Clay Mohammed Ali sagen soll. Der Geölte schneidet mir konstant die eine Seite kürzer als die andere, dafür ist er in einer Viertelstunde auch fertig, grad denk ich noch dran, wie mir Evi ins Ohrläppchen beißt, da bürstet er mir schon die Haare vom Hals aufs Hemd und wünscht überschwenglich Lebewohl bis zum nächsten Mal halt. Schön haben's die Jungs hier nicht, den ganzen Tag in diesem Bunker, abgeschnitten von der Welt, da langt eine halbe Stunde schon, dann kriegt man Platzangst, ein tragischer Ort. Aber weglaufen? In die Welt der schönen Leute und dann die Zeitschriften weglegen, weil man so kurz nach dem Mittagessen noch keine Hungerbäuche sehen kann? Nein, die drei Friseure erklären die Welt Tag für Tag besser als die Meinungsseite der Zeitung. Nur die Frauen in der Mensa können das ähnlich - und deshalb geh ich auch dorthin so oft als möglich.

Chrysostomus


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 19. Juni 2000.