Kein schöner Land

Claudia und Gunther lebten seit ihren Studententagen in dieser kleinen, alten Wohnung, Parterre, Hinterhaus, im Herzen des dunklen Gewirrs kleiner Gassen, drunten in der Altstadt mit all seinen Bächen und kleinen Brücken und den Kneipen an jeder Ecke, in denen sich die Studenten der Stadt trafen mit den Bummlern und dem nachtfrohem Volk aus den Gefilden der Kunst.

Ihre Studentenzeit hatten beide hinter sich. Längst hätten sie sich eine großzügiger geschnittene Wohnung leisten können und blieben doch ihrem kleinen, warmen Nest treu, schon aus sentimentalen Gründen.

Zudem war sie wohltemperiert im Sommer und leicht zu heizen in den Wintermonaten, weil sie halt so klein war. Sie liebten diesen verschwiegenen Teil der Stadt, noch in den Grenzen der altertümlichen Befestigungen gelegen, denn es ließ sich komfortabel leben in einer solchen Umgebung. Man war mit allem wohlversorgt, hier in der Unterstadt: kleine Bäckereien und Cafes, Obst und Gemüse, preiswertes aus zweiter Hand, und all das Amüsement der Nacht war gerademal um die Ecke und leicht zu Fuß erreichbar.

Ihre Wohnung war gemütlich eingerichtet mit gebrauchtem Mobiliar, strapazierfähig genug für unbefangene Feste und lautstarke, nächtliche Runden, denn man konnte es sich, behütet von solidem, diskretem Mauerwerk, bequem machen, so lange man wollte.

Repräsentativen gesellschaftlichen Anforderungen jedoch, die ein engagiertes Berufsleben mit sich brachten, war die eingelebte, etwas schiefe Wohnung nicht gewachsen.

Sein Einjähriges bei den Stadtwerken etwa mußte Gunther im Nebenraum von Luigi's Trattoria feiern, hätten doch die sechs Kollegen aus seiner Abteilung samt mitgebrachten Ehehälften die eigene Wohnung aus allen Nähten platzen lassen.

Nach einem Studium der freien Wirtschafts-Wissenschaft war es für Gunther, einem treuen Verehrer der Heimatstadt, geradezu imperativ gewesen, sich um eine Anstellung zu bemühen bei der Stadtverwaltung. Erfolgreich.

Und mit Umsicht waren die beiden Verliebten rechtzeitig ein Ehepaar geworden, so daß Claudia nach dem Studium der Pädagogik ihr Referendariat, frei nach eigenem Wunsche, der ihr als Ehefrau zugebilligt war, in einer hiesigen Schule absolvieren konnte, denn ihr lag diese alte, selbstbewußte Stadt nicht minder am Herzen.

Gunther hatte es in kurzer Zeit zu ordentlichem Ansehen gebracht in seinem Beruf und ward geachtet in seiner Abteilung, denn man fühlte wohl seinen Willen zu eifriger Arbeit und sein Engagement zum Wohle der Stadt.

Ausgesprochen komfortabel hatte er es des morgens, denn er hatte es nicht weit. Er mußte gerademal die Judengasse hinauflaufen und schon war er an seiner Dienststelle, der Revisionsabteilung der Stadtwerke, in der die städtischen Unternehmungen im Energie- und Nahverkehrsbereich auf seine Wirtschaftlichkeit hin überprüft wurden.

Claudia hatte es weit weniger bequem. Die Schule, in der sie das Geschäft des Unterrichtens erlernen sollte, lag weit draußen am Stadtrand und sie mußte schon fleißig aus dem Haus sein, wenn Gunther gerade aus dem warmen Bett kroch.

Sie beide aber waren begeistert von ihrem Leben und stellten sich mit Elan den neuen Aufgaben, die an sie gestellt waren. Ihr Lebensrythmus hatte sich mit der Leichtigkeit der Jugend den Erfordernissen angepaßt. Nächtliche Gelage waren notwendigerweise weniger geworden, aber das war ihnen nicht arg, denn es gab noch soviel andere Möglichkeiten der Zerstreuung für ein unternehmungslustiges Paar, das seine Zeit gern miteinander teilte:

Kinos und etliche kleine Theater, nicht zu reden von den Galerien und den vielen Kneipen, in denen mancher Feierabend vergnüglich abgerundet war.

Im dritten Jahr seiner Verwaltungszugehörigkeit waren die Akten, die Gunther auf den Schreibtisch kamen, schon umfänglicher und bedeutender geworden, gewichtiger in Inhalt und weitreichender in der Entscheidung, denn er war ein guter Mann.

Eines Montagmorgens, sie hatten ein ganz privates, durchtriebenes Wochenende hinter sich, blätterte Gunther wieder und wieder durch die beiden Akten, die er vor sich liegen hatte und miteinander verglich. Er traute seiner Wahrnehmung nicht, so summte ihm der Kopf von dem, was er da sah. Da waren ein paar Zahlen und verkürzelte Hinweise, die keinerlei Gegendeckung hatten in der anderen Akte, geradeso, als hätte man bei der einen vergessen, was bei der anderen sorgfältig vernichtet war.

Er forschte gründlich und verschwiegen nach, kopierte maßgebliche Passagen und nahm sie mit nachhause und beriet sich mit seiner Frau, die bald eingeweiht war in ein jedes Detail, denn es war fürwahr eine brisante Geschichte, auf die er da gestoßen war. Bald war es ihnen sonnenklar, Zweifel ausgeschlossen: der Amtschef akzeptierte Spenden. Schmiergelder gegen die Vergabe lukrativer Aufträge an Komplizen.

Fassungslos saßen die beiden zusammen und sie beratschlagten in einem konspirativem Tonfall.

So explosiv und gefährlich schien ihnen die aktenkundige Erkenntnis, daß die Sachlage nur an höchster Stelle und unter verschwiegenster Heimlichkeit offengelegt werden durfte.

Und tatsächlich gelang es Gunther trotz seiner vergleichsweise kurzen Zugehörigkeit zur Administration, unter einem waghalsigen Vorwand einen Termin bei dem allmächtigen Stadtrat S. zu bekommen, der hochpolitisch zuständig war für die Belange der stadtwerklichen Betriebe.

Die maßgeblichen Schriftstücke der Akten waren kopiert und dem Stadtrat vorgelegt und es bedurfte nicht allzuviel erklärender Worte, um den Charakter dieser Vorgänge mit einem angemessenen Wort zu belegen: Korruption.

„Aber, aber,“ stöhnte da der Stadtrat erschrocken. Nichtsdestotrotz war Gunthers Diskretion und einfühlsame Umsicht in dieser Angelegenheit also gleich gewürdigt und er ward herzlich umarmt vom Stadtrat, mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, und beglückwünscht zu seiner treuen Arbeit.

Zuvorderst durfte nun nichts den Gang der Ermittlungen stören und allergrößte Verschwiegenheit wurde vereinbart. Und an Ort und Stelle war die ganze Sache zur Chefsache erklärt und Gunther beordert, das ganze Originalmaterial sofort herbeizuschaffen. Mit einem festen Männerhandschlag besiegelten die beiden ihr brisantes Geheimnis, bevor Gunther wieder in seine Arbeit entlassen ward. Wochen zogen ins Land und es geschah weiter nichts und der Stadtrat ließ nichts mehr von sich hören.

Claudias Referendarzeit neigte sich dem Ende zu und die Prüfer des Schulamtes waren zu ihrem täglichen Umgang geworden. Sie war angespannt und erschöpft und auch Gunther war seit Wochen wahrhaft überschüttet mit Arbeit, so daß es eher recht war, in keine weiteren obskuren Geschichten verwickelt zu sein.

Allein, das Arbeitsklima im Amt hatte sich in jüngster Zeit spürbar verändert. Als wäre er von heimlicher Hand befördert worden, war bald auch von dienstälteren Kollegen Gunthers Rat gefragt und befolgt und nahezu täglich ward er nun beordert in die höheren Etagen des Amtes, wo man seinen Stellungnahmen zu dies und jenem mit äußerst wohlwollender Aufmerksamkeit bedachte.

Claudia hatte inzwischen ihre Probandenzeit erfolgreich zu Ende gebracht und war übernommen in den ständigen Schuldienst in einem humanistischen Gymnasium der Stadt. Keine drei Monate später war Gunther auf spektakuläre Art und Weise befördert worden zum verantwortlichen Koordinator des städtischen Müllwesens. Stadtrat Dr.S. höchstselbst überbrachte die große Nachricht und behielt sich, augenzwinkernd, die Ehre, als erster zu gratulieren.

An diesem Abend aber ließen Gunter und Claudia wahrlich alle Fünfe geradesein und feierten ein großes, intimes Fest, bis sie sich tief schlafend in den Armen lagen.

Doch bald schon stellte sich heraus, daß ihrer beider berufliches Fortkommen auch Opfer von ihnen forderte. Speziell Gunthers neue Position verlangte einen großzügigeren gesellschaftlichen Umgang. Einladungen dienstlicher Natur, auch an den freien Tagen, flatterten ins Haus und wurden ebenso von ihnen erwartet und die kleine, verschmuste Wohnung war schon bald nicht mehr gut genug. Man mußte sich verändern.

Und alsbald ward ihnen ein Angebot gemacht, so verlockend wie einfach. Der Stadtdirektor selbst, der Gunther in den Fluren des Haupthauses zu seinem aufsehenerregenden Werdegang gratulierte, wußte von einer Occasion, einem Häuschen am Rande der Stadt, das weißgott preiswert zu erwerben war und bot diesbezüglich gerne seine Dienste an.

Nach gebotenem Ratschlagen und Informieren, nach verantwortungsvollem Abwägen aller Faktoren kamen sie zu dem Schlusse, daß sie diesen Sprung gut und gerne wagen dürften, vorausgesetzt das günstige Darlehen der Stadt, das ihnen zugesichert war. Wohl würde sie dies Unterfangen binden für geraume Zeit; doch wer wollte denn glücklicher gebunden sein, als ein liebendes Paar an der Schwelle zu einer verheißungsvollen Zukunft.

Nach gewissenhafter Prüfung also unterschrieben sie den ausgetüftelten Vertrag und die Dinge kamen in Fluß.

Der Auszug aus ihrer kleinen Wohnung war so wehmütig, wie der Einzug ins neue Heim arbeitsreich und mühsam war, denn es galt ja ein ganzes Haus einzurichten und zu möblieren und all das nach Feierabend und an den Wochenenden. Anfangs halfen ihnen alte Freunde, doch in dem Maße, in dem deren Mithilfe abnahm im Laufe der Zeit nahm die tatkräftige Unterstützung aus der neuen Nachbarschaft zu. So ward ihr Häuschen draußen in der Leberechtstraße in nachbarschaftlicher Zusammenarbeit noch vor dem rauhen Winter wohnlich eingerichtet.

Hätte es einen wärmeren Willkommensgruß geben können für diese junge Familie in spe.

So ward noch, am Beginn der staten Zeit, ein kleines Fest gegeben in ihrem Haus, und die ganze Leberechtstraße kam vorbei und man machte sich bekannt: von Gerbert, einem Kollegen aus dem Kulturamt, und seiner Familie, die am westlichen Ende der Straße in einem Siedlerhaus wie dem ihren wohnten, bis an deren östlichem Ende zu Schröder, dessen Frau Lehrerin war wie Claudia, den Kindern zuliebe, dreien, um genau zu sein, aber zuhause geblieben war.

Bald stand Weihnachten vor der Türe und Gunther und Claudia hatten es sich rundherum gemütlich eingerichtet und nur das Kinderzimmer des Hauses war erst notdürftig möbliert, als ein Gästezimmer oder eine Abstellkammer.

Beim ersten Schnee war die ganze Leberechtstraße weißgezuckert. Die kleinen Gärtchen vor dem Haus und die größeren Beete dahinter waren ganz und gar verschwunden unter einer weißen Flockenpracht. Die Kinder, wohlverpackt und gutbehütet, rollten lustige Schneemänner und in den Gärten putzten die Männer unter der Anleitung ihrer Ehefrauen die Weihnachtsbäume auf. Eine verschwiegene, vertrauliche Athmosphäre durchzog die kleine Straße, allesamt war man freundlich zueinander und bald ward die Stimmung festlich, je näher Weihnachten rückte und die Kinder, die in einem jeden Hause lebten, von Vorfreude und der klaren Luft rote Backen bekommen hatten.

Und wenn Sonntagmorgens draußen sternweiße Flöckchen herniedertanzten, kuschelten sich Gunther und Claudia nur noch lieber ineinander, in ihrem warmen Bett aus Leidenschaft und Liebe, in ihrem eigenen, traulichem Heim, in dem es sich zu einer jeden Tageszeit, nach freier Lust und Laune, verträumt dahintanzen ließ. So war es nicht verwunderlich, daß noch vor dem nächsten Mai ohne Zweifel feststand, daß sich Claudia in anderen Umständen befand. Dezent und doch mit überschwenglicher Freude war die frohe Botschaft verbreitet in der ganzen Straße und die Männer gratulierten Gunther in solidarischer Geste, derweil die Frauen ganz aus dem Häuschen waren, daß es doch so schnell passiert war, und erregt zwinkerten sie ihr zu in schwesterlicher, wohlwissender Mitfreude.

Während ihrer Schwangerschaft verwandelte sich die Leberechtstraße in eine kleine Zauberwelt, soviel Hilfe und Rat ward ihr angetragen von den Frauen, soviel neue Freundinnen machten ihr Leben um sovieles reicher, daß es ihr, mit Gunther's Einvernehmen, ein leichtes war, sich noch während der großen Sommerferien ganz für die Familie zu entscheiden und sie ihren Dienst bei Beginn des Schuljahres erst garnicht mehr antrat, sondern sich auf die nahende Entbindung vorbereitete und ihre große Aufgabe als Mutter.

Im frühen Herbst schenkte sie, in einer langwierigen Geburt, ihrem Sohn das Leben, der ihr aller Dasein gründlich veränderte, so wie es nur natürlich ist. Wohlwissend, was einer jungen Mutter nottut, ward Claudia mit ihrem kleinen Tobias aufgenommen im Kreise der erfahrenen Mütter und war fürsorglich geleitet durch die Zeit des Säugens und der ersten Unsicherheiten, so daß sie auch ihrem Gunther ohne Not jeden Abend im wohligen Schoße der Familie ein warmes Heim bieten konnte für einen wohlverdienten Feierabend nach allerlei Arbeitskämpfen untertags, wie es ihre Pflicht als Hausfrau war.

Die Zeit schritt fort und die ersten turbulenten Wochen ihres neuen Familienlebens hatten bald ein sicheres Fundament gefunden im geregelten Ablauf ihrer Tage.

Schön war es, wenn sie Gunther an den Wochenenden belohnen durfte für seine erblühende Vaterliebe und ganz nah waren sie sich dann, bevor sich unter der Woche dann ihre Wege wieder trennten, mehr und mehr. Anfangs erlebte sie viel von Gunthers Arbeit, nicht nur, wenn er Kollegen mit nachhause brachte, sondern auch durch ihre Gespräche, die sie miteinander pflegten. Gunther war ein aufmerksamer Vater und so müde er abends auch immer war, ließ er es sich nicht nehmen, seinen Sohn liebevoll in den Arm zu nehmen und seinem Werdegang stolz zu verfolgen.

Bald hatte sich der Ablauf ihrer Tage eingependelt in steter verläßlicher Regelmäßigkeit, wie es einer Familie nottut, damit sie sich nicht verliert in unvorhersehbaren Fallgruben, und für ein Gedeihen des Kindes so notwendig ist. Die Tage kamen daher wie am Schnürchen, denn alles Unvorhergesehene ward gebändigt durch die Zuverlässigkeit eines geordneten Lebenstaktes, wie er gute Sitte war in den Leberechtstraßen der Welt.

Gunther ward mehr denn je überschüttet mit Arbeit und war rechtschaffen müde jeden Tag und auch Claudia sank Nacht für Nacht schwer in ihr Bett, denn die stete Wiederholung eines jeden Handgriffes tagtäglich sorgte wohl für eine sichere Ordnung, trug aber doch, ganz unmerklich, auch einen Keim von Mühsal in sich, weil doch viel Freude und Energie einfach versickerten in den eingefahrenen Furchen des Alltages. Oft genug saßen sie nun des abends wortlos vor einem dahinsurrenden Fernsehgerät und versanken jeder in seinen Sessel, froh, einem weiteren Tag erfolgreich entronnen zu sein. Kaum, daß sie noch lustig miteinander plauderten oder sich einen freien Abend gönnten, so müde waren sie beide immerfort.

So geschah es, daß Gunther im Laufe der Zeit viele Dinge ganz und gar entgingen, Kleinigkeiten des Alltages, mit denen ihn Claudia nicht zusätzlich belasten wollte, wenn er des abends erschöpft nachhause kam. Er selbst tat das seine, um sie zu schonen und ihr nicht noch mehr aufzubürden und besprach seine Gedanken und seine Probleme bald mehr in seinem Kollegenkreis als mit seiner Frau. Langsam, wie heimliches Gift, begannen sie sich fremd zu werden.

Kräftig wuchs der kleine Tobias heran und wie im Flug verging die Zeit und schon sah man ihn, des sommers, mit kleinen Freunden im Garten munter herumtoben, während die Mütter sich verwöhnten mit Kuchen und Kaffee und sich stolz ihr Glück besahen.

Gunther hatte im Dienste der Stadt beachtliche Erfolge zu verbuchen, war ein einfühlsamer und energischer Vorgesetzter und bald liefen über seinen Schreibtisch nicht nur die Vorgänge des gesamten Müllwesens, sondern zudem noch die der städtische Friedhofsverwaltung, was neben einem stark verbesserten Salär abermals mehr Arbeit mit sich brachte.

Claudia hatte sich nicht minder erfolgreich in der Leberechtstraße etabliert. Sie besorgte ihren Haushalt mit geschickter Hand und sorgte trotz aller Arbeit für eine wohlgeordnete Atmosphäre im Haus. Sie war von einem umgänglichen Charakter und schien unter den Frauen aus der Nachbarschaft allemal respektiert zu sein, wiewohl es ihr im Laufe der letzten Zeit durchaus auffiel, wie sich in etliche Freundschaften, die sie pflegte, ein gelegentlicher schroffer Ton eingeschlichen hatte, etwas unterschwellig Feindseliges gar, das so garnicht passen wollte zur hilfsbereiten Freundlichkeit, die ihr während ihrer Schwangerschaft entgegengebracht worden war.

So nahm es ihr etwa die religiöse Conny Schröder durchaus übel, daß sie mit Tobias nie zur Kindergruppe in das Pfarrhaus kam, als wären ihre vielen Gespräche damals nur Zeitvertreib gewesen. Oder Edith Berg gleich von nebenan, die mit ihrer Unterstützung in der örtlichen Frauengruppe gerechnet hatte und aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl machte und deshalb kaum mehr grüßte. Stattdessen nahm Claudia einmal die Woche teil an der Frauengymnastik in der Mehrzweckhalle, was ihr vollauf genügte an organisiertem Miteinander. Hier war sie vertraut geworden mit Elke Fromm und ihren vier Kindern. Und so spröde, ja fast sinnenfeindlich diese Frau auch war, wurden sie doch irgendwie zu Freundinnen.

Im Laufe der Zeit, daß ließ sich nicht leugnen, hatten sich mehr und mehr unausgesprochene Fronten im Alltag der Leberechtstraße aufgetan, veränderten sich mal hierhin und dahin unter dem Einfluß banaler Geschehnisse und waren stets begleitet von Nicklichkeiten unter den Frauen und Bündeleien und Intrigen, die einzig und allein wegen der gleichen Sorge um die Kinder zivilisiert gehandhabt waren und deshalb nicht weiter auswuchern konnten. Überdies hatte eine jede Frau ein eigenes Bild von Kinderwohl und Erziehungsideal im Kopfe, daß Claudia bald das Gefühl hatte, als müßte sie sich tagtäglich fremder Einmischung in ihr privatestes Mutterrecht erwehren. Aus den willkommenen Ratschlägen der vergangenen Zeit waren bald anmaßende Kritik und Rechthaberei geworden. Jede gegen jede.

So manchesmal schon, wenn sie von Freunden aus der Stadt nachhause kam, schien ihr, als wäre sie hier in der Straße empfangen von einem Hauch unverhohlener Feindseligkeit, der sich verborgen hielt hinter einem wohlanständigem Umgang miteinander. Von alledem erfuhr Gunther kaum noch etwas, zu sehr war dieser doch in seiner eigenen Welt zugange und so arbeitsreich sein beruflicher Werdegang, daß sie garnicht erst versuchte, sich bei ihm die Wirren und Komplikationen des Leberechtschen Alltags von der Seele zu reden. Sie ahnte wohl, daß er nur abgewunken hätte mit müder Hand und nicht behelligt sein wollte von Frauentratsch.

Bald sehnte sich Claudia zurück in diese wohlbehütete Wärme ihrer Schwangerschaft und kroch so voller dunkler Leidenschaft unter Gunthers schützende Kraft in ihrem Bette, daß sie bald ein zweitesmal schwanger wurde, kurz nachdem der kleine Tobi sicher auf den Beinen war.

Allein, dieses ersehnte Gefühl des fürsorglichen Eingebettetseins in der Liebe und den Sympathien der Nachbarschaft blieb ganz und gar aus dieses Mal. Sie war keine Novizin mehr. Sie kannte das Geschäft des Mutterwerdens und des Mutterseins schon zur Genüge, als daß man große Sorge um sie tragen müßte.

Gunther kümmerte sich um die seinen nicht weniger als zuvor und war weißgott bemüht, ein guter Vater und ein umsichtiger Gatte zu bleiben, so sehr die Arbeit im Amt auch mehr und mehr wurde. Aber nicht selten, wenn die Arbeit überhand nahm, sah er seine Kinder nur noch an den Wochenenden und war bedrückt und entnervt von dieser Fremdheit, die sich ihres Lebens bemächtigt hatte und wußte sich doch keinen Rat. Eigenen Vergnügungen hatte er allemal schon abgeschworen und es blieb ihm gerademal ein wöchentlicher Kartelabend, vorne beim Siedlerwirt mit ein paar anderen Vätern aus der Nachbarschaft, die sich hier bei Schnaps und Bier und gewagten Sprüchen verbrüderten und sich in der Nacht zusammenschlossen gegen die Last des Lebens, bis ihnen am nächsten Morgen aufs Neue der Kopf gewaschen ward.

Die große Freude, die Claudia bei Tobis Geburt dahingetragen hatte auf seligen Flügeln, war nach Sophies Ankunft, ihrer zweitgeborenen Tochter, einer bleiernen Erdenschwere gewichen, die sie nicht selten erschöpft zurückließ in sorgenvoller Bedrücktheit, als verwandelte sich im Laufe der Zeit ihr zuhause langsam in eine Fessel.

Claudia und Gunther hatten sich über die Jahre soweit auseinandergelebt, daß bald nur noch die Sorge um die Kinder und eine damit verknüpfte Pflicht zur Respektierlichkeit das alleinige Band ihrer ehelichen Beziehung war. Sie begegneten sich immer öfter wie Fremde, als trügen sie nur falsche Masken, die Vertrautheit vortäuschten, wo sie doch immer weniger voneinander wußten und nichts mehr zu tun hatten miteinander und nur noch zusammengehalten waren von festgefügten Regeln, wie von einem starrleibigen Korsett.

Je mehr Gunther unter der Last seiner Karriere ihrer Welt entwich, umso fremder wurden ihr aber auch die Frauen in der Straße und selbst einer Elke Fromm wollte sie ihre alltäglichen Nöte und Probleme nicht mehr freundschaftlich anvertrauen, hörte sie doch sehr wohl auch schadenfrohe Häme in ihren Worten, wo sie doch schwesterlichen Trost erhofft hatte. Warum auch hätte es ihr anders ergehen sollen als all den anderen Frauen und Müttern.

Immer häufiger schloß sie sich, die Kinder im Kindergarten, in ihrem Hause ein, zog die Vorhänge zu und blieb für sich und dachte nach über ihr Leben und über die Einsamkeit, in die sie geraten war.

Je mehr sich Gunther in seine Arbeit vergrub und seiner Familie verloren ging, umso spöttischer erschien Claudia das Lächeln und der Gruß so mancher Nachbarin, als wüßte alle Welt von ihrer Traurigkeit und freute sich noch darüber. Und als ihr ausgerechnet Elke Fromm, ihre letzte Verbündete in der einsam gewordenen Leberechtstraße, in drastischer Art und gewagten Bildern berichtete von den Einzelheiten der extatischen Verzweiflung, der sich eine Conny Schröder alltäglich hinter lange verschlossenen Vorhängen hingab, wollte es Claudia schiergar den Magen umdrehen, so nackt und so verletzt fühlte sie sich selbst.

Und Gunther. Er kümmerte sich nicht darum, sondern verwies genervt ihre Sorgen ins Reich dunkler Gespenster. Ihre Kinder, so wohlgeraten sie auch waren, mochten sie kaum zu trösten und sie sah in ihrer Existenz nur noch einen kümmerlichen Scherbenhaufen.

Da entschloß sie sich zur Tat, verzweifelt genug war sie. Sie packte ihre Sachen und die ihrer Kinder, zog zu einer alten Freundin aus fernen Studientagen und reichte gegen Gunther, gegen die Leberechtstraße, gegen fast die ganze Welt die Scheidung ein und kehrte niemehr zurück in das häßlich gewordenes Haus am Rande der Stadt.

Gunther aber war wie vom Donner gerührt, von einem Schlag getroffen aus heiterem Himmel, als er am Abend des schicksalschweren Tages Claudias Abschiedsbrief in Händen hielt, anzurufen suchte und ihm nur ausgerichtet wurde, daß all das kein unbedachter Scherz war, sondern eine Entscheidung für das Leben gegen einen dahinsiechenden Tod.

Gunther behielt sein Entsetzen erst ganz und gar für sich, weil er glaubte an eine gütige Wendung des Schicksals. Allein, die ward ihm nicht beschert.

Als der Brief eines Scheidungsanwaltes in seiner Post lag, wußte er, daß er die furchtbare Kälte seines Bettes, die Schutzlosigkeit einer leeren Existenz fortan würde ohne jeden Trost ertragen müssen. So leicht konnte er sich nicht davonmachen, denn er trug die ganze Last des Hauses, das gerademal zur Hälfte bezahlt war und nur zu gut wußte er um den eisernen Griff einer Bank, die kaltblütig ihre eigenen Interessen schützte.

Im Amt verschwieg er voller Scham die Katastrophe seines Lebens und vertraute sich niemanden an, sondern vergrub sich umso mehr in seine Arbeit, als könnte ihn diese beschützen vor der Kälte der Welt. Zuhause aber, in der Leberechtstraße, ward sein tiefer Fall zu dem einzigen Thema der Nachbarschaft geworden. Noch besuchte er seinen Kartelabend, als wäre nichts geschehen, aber keiner seiner Kartelbrüder wollte sich ein X für ein U vormachen lassen. Bald schon wich das Angebot von brüderlichem Beistand einem wachsenden Mißtrauen ihm gegenüber, denn schwer nur war es zu verstehen, das eine sorgende Mutter ein sicheres Heim verläßt ohne stichhaltigen Grund. Wer mochte wohl erahnen, was tatsächlich vorgefallen war, was eine Claudia Peters bewogen haben mochte, mit Kind und Kegel ein gesetztes Zuhause einzutauschen gegen die Fährnisse einer feindseligen Welt.

Man schloß ihn nicht aus der kleinen Runde aus, aber man piekste doch immerfort in seiner Wunde mit allerlei spitzzüngiger Rede, daß er bald zum Karteln ging wie zu einem Strafgericht.

Letztendlich kam es dann zur endgültigen Scheidung vor einem Richter. Wie schuldbeladenes Unglück stand Gunther in dem kahlen Saal gegenüber Claudia, mit einem neuen Begleiter zu Schutz und Stütze an ihrer Seite, und teilnahmslos traf ihn ihr kurzer Blick, denn sie waren nunmehr Feinde. Ohne ein Wort, ohne eine Berührung setzten beide ihre Namen unter dieses Rechtsgeschäft, besiegelt von einem namenlosen Richter im Namen eines anonymen Volkes, das angeblich niemandem Rechenschaft schuldete.

Ohne einen Blick zurück, ohne ein letztes Lächeln, gestenlos, ging sie aus seinem Leben für immer.

Da erkrankte Gunther so schwerwiegend an Leib und Seele, daß er fortan seinen Dienst nicht mehr ausüben konnte und er sich ganz und gar verschloß hinter seinen vier Wänden und nur noch zu Arztbesuchen das Haus verließ.

Das ging bald etliche Monate so und längst hatte man im

Amt das Friedhofswesen wieder vom Müll getrennt und man bewältigte beide Abteilungen in einem runden Teamgeist unter Leitung zweier Stellvertreter, die in seine gute Nachfolge getreten waren.

Gunther hatte zu trinken begonnen. Bier und bald auch kräftigere Sachen. Nach und nach übersäten das Haus Nester leergetrunkener Flaschen jedweder Form und Größe. šberquellende Aschenbecher zeugten nicht minder von einsamen Exzessen wie die schwarzen Fleckränder umgestolperter Getränke auf den vernachlässigten Teppichen in Schlaf- und Wohnzimmer, nicht zu reden von den Schwaden aus kaltem Rauch und Tränen, die beständig durch das Haus dünsteten und waberten. So kam es, daß er sich eines Morgens in seiner ungesunden Aufgedunsenheit schiergar nicht mehr erkannte in seinem Spiegelbild. So krank und angeschlagen, wagte er es nicht, sich selbst ins Auge zu schauen.

Da ging nochmal ein Ruck durch ihn. Die Flinte des Lebens sollte weißgott noch nicht ins Korn geworfen sein.

Es dauerte nicht allzulang, bis man ihn wieder lachen sah, unten in der Altstadt, bei alten Freunden und einem Bierchen. Und die bewunderten durchaus seine Lebensgestaltung, die einer gewissen Eleganz nicht entbehrte: krank geschrieben bis Ultimo und doch berechtigt zu wohlgefälliger Lebensführung bei intaktem Gehalt. Das machte Eindruck und aus alten Freunden wurden neue. Und immer dann, wenn ihm seine Not (besonders die finanzielle, denn die Belastungen fraßen ihn schiergar auf) nicht zu sehr aufs Gemüt drückte, saß er nun wieder an seiner Schreibmaschine und erfand fantasievolle Geschichten, oder tippte an einem Lied oder schrieb ein Gedicht, wie er es schon zur Studentenzeit gerne getan hatte. Und wie damals, so waren auch jetzt seine Geschichten unterhaltsam und gerne gelesen, so mühelos schritten sie daher, und waren stolz veröffentlicht von ein paar alten Kommilitonen, die, sentimental genug, auch nach dem Studium ihre Studenten-Zeitung fortbetrieben hatten. Monat für Monat schrieb er den alten Jungs eine nette Geschichte ins Blatt und fühlte sich zusehends besser dabei. Bald hatte er dieserart eine lustige Gemeinde von Freunden und Liebhabern seiner kleinen Kunst gewonnen, die ihn am Leben hielt mit ihrer Freude am witzigen Disput und gemeinsamen Gelagen.

Doch eines schönen Morgens, als er sich ausgeschlafen zum Frühstück setzte, fand er in seiner Post zwei Briefe, einen blauen und einen weißen. Letzterer war von seiner Bank, die ihm, weil die Stadt ihr Darlehen aufgekündigt hatte, eine wahnwitzige Rechnung aufstellte, die bezahlt sein mußte, die jeder rechtlichen Überprüfung standhielt, das wußte er, die ihn zwingen würde in lebenslange Schuldknechtschaft. Brief in Händen, mußte er sich niedersetzen, um nicht umzukippen unter diesem Hieb. Er zitterte wie bei einem Schwächeanfall und öffnete betäubt den blauen Brief, auf dem er Claudias Handschrift erkannte und den er gleich gierig hinunterschlang. Aber, es war nur eine ganz, ganz kurze Nachricht an ihn, aus dem fernen, sonnigen Florida. Dorthin hatte sie sich wiedervermählt, schrieb sie, und unterrichtete ihn pflichtgetreu, in dürren Worten, daß ihr Mann die beiden Kinder, Tobi und Sophie, adoptiert hatte, wie es sein gutes Recht war.

Lange saß Gunther in sich zusammengesunken, bis er sich schwer erhob und unter der Last der Welt schleppte er sich in den Flur, wo er sich an einem der Haken, die er für eine Kinderschaukel in die Decke gedübelt hatte, mit einem Perlonseil erhängte.

Gunther ward auf dieser Welt von niemandem ernsthaft vermisst, am allerwenigsten von Stadtrat Dr.S und dessen Amigos im Direktorat der Stadtwerke.

Gerademal die kleine Schar literarischer Verehrer, die er gewinnen konnte in seinen letzten Tagen, gedachte seiner ein wenig in Trauer, denn man hatte sich noch mehr seiner kleinen Geschichten erhofft, die man ja nun nicht mehr bekommen sollte. Leider, leider.

G.Lassen


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 19. Juni 2000.